Die Rohstoff-Lüge!

Warum die Rohstoffpreise nicht nachhaltig steigen werden!

Rohstoffe sind knapp! Und Rohstoffe werden immer knapper! Ein langfristiger Preisanstieg ist unvermeidlich! Daher erfreuen sich Geldanlagen in Rohstoffen in den letzten Jahren steigender Beliebtheit!

Diese Aussagen kennen wir alle und kaum jemand stellt die Richtigkeit ernsthaft in Frage.
Kein Wunder – erscheinen sie doch allesamt logisch und ohne Alternative zu sein.

Aber, wie so oft im Leben:

Schein ist nicht immer auch Sein!
Was in diesem Fall logisch klingt, ist es in der Tat nicht!

Denn:

Meiner Meinung nach ist die Theorie der langfristig ansteigenden Rohstoffpreise eine der größten Lügen, die uns die Finanzindustrie jemals aufgetischt hat!!!

Ich gebe zu, dass dies zunächst eine gravierende Anschuldigung ist! Daher kann ich direkt anfügen, dass zu diesem „Tatvorwurf“ möglicherweise mildernde Umstände hinzukommen. Denn den meisten Anbietern von Finanzprodukten, die auf steigende Rohstoffpreise abzielen, dürfte die eigentliche Unmöglichkeit ihrer Strategie selbst gar nicht bewusst sein!
Die Schlussfolgerung „mehr Menschen + knappere Rohstoffvorkommen = steigende Preise“ ist einfach zu klar, zu einfach und zu vermeintlich logisch, um überhaupt hinterfragt zu werden! Daher ist im Fall der „Rohstoff-Lüge“ auch nicht von einer bewussten Täuschung der Anleger auszugehen, sondern eher von einer kapitalen Fehleinschätzung!
Und einer kollektiven Fehleinschätzung dazu! Wenn Sie 100 Menschen auf der Straße befragen, wie sich der Ölpreis langfristig entwickeln wird, dann werden wohl ca. 99 davon sagen: „Er wird deutlich steigen!“

Persönlich bin da ganz anderer Meinung:

Ich glaube, dass Rohstoffe weder knapp sind, noch immer knapper werden! Und daher glaube ich auch nicht an eine ständige Verteuerung von Rohstoffen. Zumindest nicht an eine Verteuerung, die über die normale Inflationsrate hinausgeht.

Und ich glaube auch nicht, dass – von theoretischen Ausnahmen abgesehen – weder irgendein Rohstoff in der Zukunft tatsächlich gänzlich zur Neige geht, noch dass es das in der Vergangenheit schon jemals gegeben hätte.

Und dafür gibt es eine sehr einfache Erklärung! Eine Strategie, die von der Menschheit seit Jahrtausenden erfolgreich angewendet wird:

Ich nenne sie die „Replacement-Strategie“!

Diese Strategie besagt, dass sich der Mensch grundsätzlich immer zuerst an den einfach zu erlangenden Ressourcen bedient und diese fast bis zum Ende ausbeutet. Aber eben nur FAST! Denn jedes Mal, sobald der Zenit eines Rohstoffvorkommens überschritten ist, beginnt der Mensch damit, Ersatzstoffe für das sich verknappende Gut zu suchen oder auch neu zu erfinden. Durch diese geniale Fähigkeit war und ist es dem Menschen möglich, alle seine Ansprüche zu jeder Zeit zu erfüllen. Und zwar völlig unabhängig von speziellen Rohstoffvorkommen.

So ist es auch zu erklären, dass es auch heute noch Feuersteine gibt!
Und diese waren mit Sicherheit bereits in der Steinzeit ab einem gewissen Zeitpunkt knapp geworden und die Menschen machten sich Sorgen deswegen.

Genauso gibt es heute noch Wald! Extrem viel Wald sogar, obwohl schon Römer, Briten, oder wer auch immer, viel Holz für ihre Schiffs-Flotten etc. benötigten und alles abholzten, was ihnen in die Finger kam.
Oder dann später die Kohle! Der Zündstoff der Industrialisierung und somit die Basis unserer heutigen Kultur. „Die Kohle wird knapp!“ – das habe ich als Kind auch oft gehört! Und heute? Heute sind bzw. werden die meisten Kohlegruben nach und nach geschlossen und die letzten Kohlevorräte werden in Zukunft einfach nicht mehr gefördert.
Warum? Weil sie nicht mehr gebraucht werden!

Und? Haben sich die Preise von Kohle, Holz oder gar Feuersteinen drastisch verteuert?

Nein – haben sie nicht und werden sie auch nicht! Im Gegenteil – ein guter Feuerstein war in der Steinzeit in Relation zu heute sicherlich sehr wertvoll – heute ist der gleiche Stein wertmäßig bedeutungslos!

Und mit der „Rohstoff-Lüge“ will man uns jetzt allen Ernstes z. B. weismachen, die heutigen Ölvorkommen seien knapp, würden immer knapper und würden dann eines Tages ganz verschwunden sein und daher müssten die Preise steigen! Und die aller übrigen Rohstoffe gleich mit!

Das ist mehr als lächerlich!

Die bekannten Öl-Vorräte reichen noch mindestens 50 – 100 Jahre, eher länger. Und ständig werden neue entdeckt! Das heißt, der Lebenszyklus der Ölvorräte verlängert sich theoretisch immer weiter!
Das bedeutet: Sollte der Mensch tatsächlich für immer auf Öl angewiesen sein, dann könnte es in der Tat in ein paar hundert Jahren zu einer Ölkrise mit steigenden Preisen kommen. Das gebe ich zu! Aber ob es sinnvoll ist, jetzt im Jahre 2012 als Geldanlage z. B. auf Öl zu setzen, das evtl. im Jahre 2212 im Preis steigt, wage ich dagegen zu bezweifeln. Vermutlich übersteigt diese lange Anlagezeit unsere durchschnittliche Lebenserwartung dann doch um das eine oder andere Jährchen.

Und – das geschieht wie gesagt auch nur für den Fall, dass der Mensch immer ans Öl gebunden ist.

Und genau das ist natürlich nicht der Fall!

Schon heute wissen wir, dass wir zum Autofahren eben kein Öl/Benzin benötigen und dass auch schon heute fast alle anderen Produkte, in denen Öl enthalten ist, durch Ersatzrohstoffe herstellbar sind!

Also: Wir brauchen überhaupt kein Öl! Weder jetzt, noch in Zukunft! Daher wird es dem Öl langfristig nicht anders ergehen als zuvor dem Feuerstein oder der Kohle. Es wird einfach Schritt für Schritt an Bedeutung verlieren!

Was für Öl gilt, gilt selbstverständlich auch für alle anderen Rohstoffe! Alle sind prinzipiell ersetzbar und jeder Preisanstieg verstärkt in direkter Folge die Entwicklung von „Replacement-Strategien.“

Fazit:

Vor diesem Hintergrund kann es in keinem Fall einen beständigen Aufwärtstrend bei Rohstoffpreisen geben! Preisanstiege bei Rohstoffen können immer nur periodischer Natur sein und üblichen Marktschwankungen unterliegen. Sie können politisch oder militärisch erzwungen und evtl. längere Zeit durchsetzbar sein, aber sie können niemals auf natürlicher Verknappung basieren!

Bei Rohstoffen wie Zucker oder Getreide sieht es für die Preise im Übrigen noch schlechter aus. Der Mensch ist in der Lage, jede benötigte Menge an Nahrungsmitteln zu produzieren, wenn er es nur wollte. Daher kann auch hier jeder Preisanstieg nur vorübergehend sein.
Und – gerade jetzt kaufen Großkonzerne riesige Landmengen zusammen, um in die Nahrungsmittelproduktion einzusteigen. Es ist also davon auszugehen, dass die Märkte innerhalb der nächsten Jahre mit einem sehr günstigen Angebot von Nahrungsrohstoffen geflutet werden. Daher sehe ich auch hier keine Chance auf nachhaltige Preissteigerungen.

Die einzige Chance auf mittelfristig steigende Rohstoffpreise ist also nur eine generell zunehmende Inflationsrate. Da dies politisch gewünscht ist, besteht hier zumindest eine gewisse Chance. Aber in einem solchen Szenario würden eben auch alle anderen Preise ansteigen, so dass der reale Effekt nicht da ist.

Doch, wenn es also absolut klar ist, dass Rohstoffpreise keinesfalls nachhaltig durch natürliche Verknappung ansteigen können, warum gibt es dann die besagte „Rohstoff-Lüge?“

Auch diese Frage lässt sich sehr einfach beantworten. Wie so viele Verwerfungen in der aktuellen Finanzwelt, basiert auch die „Rohstoff-Lüge“ auf dem Platzen der großen Aktienspekulationsblase Ende der 90er Jahre. Nachdem die meisten Anleger viel Geld durch zweifelhafte Internetaktien verloren hatten, musste man ihnen etwas Neues anbieten. Etwas Greifbares! Etwas Handfestes!

Ja, so einfach ist das! Und schon war die „Rohstoff-Lüge“ geboren und man konnte – und kann bis heute – den Anlegern auf Rohstoffen basierende Anlagen verkaufen. Diese verkaufen bzw. verkauften sich sogar von selbst, da der Anleger ja schon immer WUSSTE, dass Rohstoffe bald knapp werden und die Preise sicher steigen würden. Und auch die meisten Anbieter WUSSTEN das. Und wenn Anbieter und Nachfrager von Finanzprodukten der gleichen Meinung sind, so verkauft sich das Produkt wie von selbst! Im Prinzip genial!

Und wo ist jetzt das Problem? Bzw. gibt es überhaupt ein Problem?

Ich glaube, noch hält sich das Problem in Grenzen. Seit Beginn des Jahrtausends sind viele Rohstoffpreise tatsächlich angestiegen, so dass Anleger, die seit Beginn mit dabei waren, heute auf teilweise ansehnliche Profite schauen können. Ich selbst habe zu Beginn des Jahrtausends ebenfalls den Einstieg in Gold und Rohstoffe empfohlen. Und bis dato hat sich das auch als völlig richtig erwiesen.
Und: An den Börsen kann es einem Anleger nebenbei bemerkt auch völlig egal sein, warum Preise steigen oder fallen. Hauptsache, man liegt auf der richtigen Seite.
Bis heute ist die „Rohstoff-Lüge“ für alle Beteiligten also ein gutes Geschäft gewesen.

Das Problem ist nur:

Irgendwann ist das eben nicht mehr so! Die Preise können keinesfalls langfristig immer weiter überproportional ansteigen!

Der Ölpreis ist zum Beispiel jetzt seit ca. 5 Jahren per Saldo nicht weiter gestiegen und ich erwarte für die nächsten Jahre eher das Risiko von einem Trendwechsel nach UNTEN! Und das sehe ich für fast alle Rohstoffe so!

Daher sollten sich alle Anleger, die long in Rohstoff-Finanzprodukten investiert sind, jetzt Gedanken machen und ihre Einstellung zu den angeblich „sicher ansteigenden Preisen“ zumindest überdenken.

Wichtig: In den letzten 10 Jahren sind mangels Alternativen sehr hohe Beträge in Rohstoff-Finanzprodukte geflossen und haben mit dazu beigetragen, dass die Rohstoffpreise deutlich nach oben geklettert sind. Man kann hier durchaus von einer Blasenbildung sprechen.

Aber bald könnte sich das Blatt wenden. Wenn die „Rohstoff-Lüge“ erkannt wird, die Kurse ihr Hoch gesehen haben und beginnen zu sinken, dann werden die vielen Spekulanten aussteigen.
Nun ja, und dann werden die Kurse sinken! Und das möglicherweise deutlich!
Wann das genau geschieht, ist schwer zu sagen. Aber es wird geschehen!

Die Replacement-Strategien werden wirken und jeden Trend steigender Rohstoffpreise irgendwann abwürgen.

Und das ist im Prinzip auch ein sehr bedeutender Vorgang. Denn die Replacement-Strategie bedeutet für die Menschheit stets einen Fortschritt! Sie ist der Schlüssel vieler Innovationen, die es ohne die Angst vor Rohstoffverknappung nicht geben würde. Auch das aktuelle „Projekt der Menschheit“ – der Umstieg auf erneuerbare Energien – ist letztlich ein Replacement-Programm.

Der Mensch hat also wieder aus der Not eine Tugend und somit alles richtig gemacht…und daran glaube ich!

An dauerhaft steigende Rohstoffpreise glaube ich dagegen nicht!

Henry Littig

Geschrieben von Henry Littig