Henry Littig
Henry Littig

Henry Littig

Vor etwa zwanzig Jahren habe ich eine Theorie entwickelt, die besagte, dass prinzipiell alle uns umgebenden Vorgänge vorbestimmt und somit prinzipiell vorhersagbar seien – ohne Ausnahme; dass es also nur ein einziges vorbestimmtes Schicksal gebe.

Erst viel später wurde mir bewusst, dass diese Theorie keinesfalls neu war, sondern schon sehr viele der namhaftesten Physiker diese Gedanken wissenschaftlich untersucht und dabei bis auf die Ebene der Quantenphysik heruntergebrochen hatten.

In Gesprächen habe ich jedoch immer wieder festgestellt, dass die Überlegungen zum Determinismus, also dem prinzipiell vorbestimmten Schicksal, in der breiten Bevölkerung so gut wie unbekannt sind. Ursächlich hierfür sind nach meiner Ansicht sowohl die in der Regel unverständliche Ausdrucksweise der klassischen Physik als auch die allgemein verbreitete Überzeugung von der sogenannten menschlichen Selbstbestimmung.

Meine Überlegungen hierzu stellen einen Versuch dar, sich in verständlicher Form auf den Kerngedanken des Determinismus zu beziehen. Exemplarisch etwa wäre die Frage:

 

Warum ging der Ball knapp am Tor vorbei? Hätte der Stürmer den Ball nicht anders schießen können?

Exemplarisch wäre auch die entscheidende Antwort, die der  Determinismus zu dieser Frage liefert:

 

Nein – er hätte nicht anders schießen können. Dass der Stürmer den Ball genau in dieser Sekunde neben das Tor schießt, stand seit Urzeiten unumstößlich fest.

Worum geht es überhaupt?

In unserer heutigen total vernetzten Welt sind wir tagtäglich mit einer steigenden Anzahl von Ereignissen konfrontiert. Politik, Wirtschaft, Sport, die Börse, das Wetter und zahlreiche weitere Vorkommnisse erreichen unsere Bewusstseinsebene und verleiten uns zu diversen Bewertungen jener Ereignisse. Aus diesen Bewertungen entstehen in der Regel Fragen.

Fragen wie:

Warum hat der Stürmer nicht getroffen und der Ball ist knapp neben dem Tor gelandet?

Oder:

Warum sind die Börsenkurse heute schon wieder gestiegen oder gesunken?

Oder: Warum musste es gerade heute regnen?

 

An diese Fragen schließt sich meist eine weitere an:

Hätte es diesmal nicht auch anders laufen können? Hätte ich den Verlauf der Dinge beeinflussen können?

Der zunächst verblüffend einfachen Antwort auf diese Fragen, die die Menschheit seit je umtreiben, widmet sich unser heutiges Thema. Denn die einfache Antwort auf all diese Fragen lautet:

 

Nein. Es hätte nicht anders laufen können. Es war klar, dass es heute regnen würde. Es musste exakt genauso laufen, wie es gelaufen ist. Es gibt nur ein Schicksal und dessen hundertprozentig exakter Ablauf steht schon seit Urzeiten zu 100% fest.

Wie bereits erwähnt, ist diese Theorie, der zufolge alle Ereignisse, Gedanken und Handlungen der Vergangenheit, der Gegenwart und natürlich auch der Zukunft schon seit langer Zeit exakt feststehen, nicht neu. Den belegbaren Anfang machte vermutlich ein gewisser Pierre-Simon Laplace, der 1814 seine Theorie des Laplaceschen Dämons veröffentlichte.

Laplace sagt hierzu:

Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.

 

Ein allwissender Großcomputer kennt die Zukunft!

Was Laplace 1814 so eindrucksvoll mit einer umfassenden Intelligenz beschreibt, beschreibe ich heute zeitgemäß mit einem allwissenden Großcomputer, der alle Informationen enthält, die unser Universum bietet.

Meiner Ansicht nach  müsste dieser Großcomputer in der Lage sein, alle Zustände und Bewegungen sämtlicher Bestandteile des Universums exakt vorherzusagen, und zwar ohne Ausnahme. Diese Vorstellung, dass alle Ereignisse im Universum – das kleinste Detail genauso wie die komplexesten Gedanken – rein physikalischen Abläufen unterworfen und prinzipiell vorhersagbar sind, nennt man auch Determinismus.

Interessanterweise muss man sich als Anhänger des Determinismus zwangsläufig von der Idee des freien Willens verabschieden. Denn auch menschliche Gedanken sind der Theorie zufolge logischerweise determiniert. Dies bedeutet nichts anderes, als dass auch unsere sogenannten freien Gedanken letztlich nur eine Illusion darstellen, die Ergebnisse unseres Denkens und Grübelns letztlich physikalischen Prozessen geschuldet sind, welche wiederum in jedem Fall von einem allwissenden Computer zu einhundert Prozent exakt vorhersagbar wären.

Logischer- , aber auch witzigerweise führt dies zu dem Paradoxon, dass gerade diejenigen unter uns, die durch besonders demonstratives Freidenkertum zum Determinismus neigen, sich somit selbst wiederum die Fähigkeit der ‚Freigeistigkeit‘ absprechen.

Gegen Ende der Abhandlung werde ich noch etwas genauer auf den aktuellen Stand der Wissenschaft zum Thema Determinismus eingehen, die nach meiner Ansicht mit Ausnahme der sogenannten Kopenhagener Deutung (bezüglich der Quantenmechanik) die Annahme des Determinismus eher bestätigt als ablehnt oder widerlegen könnte.

Bis dahin beschreiben wir das Thema jedoch am besten mit gesundem Menschenverstand. Denn ungefähr so habe ich es mir vor etwa zwanzig Jahren selbst hergeleitet.

 

Es könnte sein, dass der Mensch die Fähigkeit der eigenen Entscheidung gar nicht besitzt.

Im Allgemeinen gehen Menschen davon aus, dass sie ihre eigenen geistigen und körperlichen Handlungen selbst beeinflussen und steuern können. Der Mensch denkt, er hätte aus jenem Bewusstsein heraus, das er im Lauf der Evolution erlangt hat, jederzeit die Kontrolle über sich selbst und seine Entscheidungen; er glaubt also, er besitze einen freien Willen, mittels dessen er seine Entscheidungen unabhängig treffen kann. Er glaubt mithin, er könne jederzeit frei wählen ob er kommt oder geht, aufsteht oder sitzen bleibt, redet oder schweigt.

Den meisten Menschen wäre es kaum vorstellbar, dass dem eventuell nicht so sein könnte, dass der Mensch vielleicht gar keine Macht der freien Entscheidung besäße, dass möglicherweise alles schon feststünde – die Geschichte also längst geschrieben wäre. Diese Vorstellung ist den meisten Menschen sicherlich nur sehr schwer zu vermitteln, von der Hand zu weisen ist sie allerdings nicht.

Es könnte nämlich sehr gut sein, dass der Mensch die Fähigkeit der eigenen Entscheidung gar nicht besitzt. Es könnte sein, dass jegliche aktuellen und natürlich auch zukünftigen Handlungen eines jeden Einzelnen schon jetzt zu 100% feststehen, von der Urzeit und bis in alle Zukunft hinein gedacht.

Nicht nur in der Philosophie und der modernen Wissenschaft existiert diese Theorie; auch in alten Religionen, beispielsweise dem Hinduismus, ist sie fest verankert. Jedoch verweisen die Religionen oft auf mehr oder weniger mystische Begründungen ihrer diesbezüglichen Lehren, was vermutlich auf das Fehlen von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Zeiten des religiösen Ursprungs zurückzuführen ist.

Entscheidend sind nämlich biologische, chemische, physikalische und somit letztlich auch logische Grundlagen, auf denen die deterministische Sicht der Dinge basiert.

 

Ein oder zwei Stückchen Zucker?

Zunächst möchte ich an einem einfachen Beispiel erläutern, über welchen freien Willen wir hier überhaupt reden: Stellen Sie sich einen Kaffeetrinker vor. Dieser Kaffeetrinker nimmt an manchen Tagen zwei Stücke Zucker, an anderen Tagen dagegen drei Stücke. Er variiert dies „nach Lust und Laune“, wie er glaubt. Beispiele dieser Art gäbe es unzählige. Nur wenige werden jetzt behaupten, dass es nicht sein eigener freier Wille, seine eigene freie Entscheidung sei, an welchen Tagen er zwei oder drei Stücke nimmt. Oder?

Wie schon Laplace vor etwa zweihundert Jahren behauptete, halte ich dagegen, es spreche sehr viel dafür, dass nicht sein freier Wille Ursache seiner Handlungsweise ist, dass es mithin nicht in seiner freien Entscheidung liegt, ob er zwei oder drei Stücke nimmt. Dass es somit bereits heute feststeht, an welchen Tagen er in der Zukunft zwei oder drei Stücke wählt.

Ich räume ein: Diese Sicht auf den freien Willen mag zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig anmuten. Denn letztlich würde sie bedeuten, dass alle Ereignisse im Jetzt und in der Zukunft bereits bis ins kleinste Detail vorbestimmt sind. Dass es also in der Tat so etwas wie ein Schicksal gibt, dessen Verlauf wir nicht ändern oder beeinflussen können; dass somit die gesamte Zukunft für jeden einzelnen von uns haargenau feststeht. Ohne jede Chance einer Änderung.

Kann das sein?

Ja! Im Verlauf der Abhandlung wird zwar klar werden, dass jedes Individuum sehr wohl die freie Wahl hat, sich zu entscheiden, also zwei oder drei Stücke Zucker zu nehmen. Nur mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass das Ergebnis dieser ‚freien Wahl‘ schon heute feststeht, die Möglichkeit der freien Entscheidung zwar grundsätzlich im Bewusstsein des Individuums vorhanden ist, es sich hierbei jedoch lediglich um eine Illusion des freien Willens handelt.

 

Die Illusion des freien Willens ist besser als nichts. Oder?

Wenn die Zukunft bis ins kleinste Detail – also einschließlich aller menschlichen Gedanken etc. – feststehen würde, dann müsste dies natürlich logischerweise bedeuten, dass man theoretisch die gesamte Zukunft hundertprozentig vorhersagen könnte. Auch das ist für mich absolut zutreffend. Ein allwissender Computer kennt den genauen Ablauf der Zukunft, und zwar zu genau 100%.

Selbstverständlich verfügen wir noch nicht über die Technik, die notwendig wäre, um einen solchen Computer zu entwickeln. Dies jedoch ist kein Argument gegen die Theorie, eher dafür. Nur weil der Mensch bislang noch nicht auf dem Mars war, bedeutet das nicht, dass er dort nie hinkommen wird.

Es geht in dieser Theorie auch nicht um die Frage, ob und wann wir einen solchen Computer entwickeln können, sondern nur um die Frage, ob er – wenn er existieren würde – die genaue Zukunft exakt vorherbestimmen könnte.

Genau da jedoch lege ich mich fest:

Ein allwissender Computer kennt den exakten Verlauf der Zukunft.

Wie nun kann man sich das vorstellen? Zumal wir doch in der Regel denken, unsere Gedanken seien frei und daher nicht im Voraus berechenbar?

 

Eine einfache Zukunftsprognose – ein fallendes Lineal 

Beginnen wir mit einem einfachen Fall:

Wenn Sie z.B. ein Lineal auf Ihrem Schreibtisch immer weiter über den Rand des Tisches hinaus schieben, dann wissen Sie, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt herunterfällt. Logisch – das weiß jeder, da wir alle wichtigen dafür notwendigen physikalischen Daten kennen. In diesem Fall gehen wir davon aus, dass sich der Schwerpunkt des Lineals irgendwann über den Rand des Tisches verschiebt und es dann zu Boden fällt. Wir wissen auch, dass dies ungefähr ab der Mitte des Lineals der Fall sein wird.

In einem solchen Fall kann der Mensch also schon heute eine exakte Prognose eines zukünftigen Ereignisses abgeben, obwohl uns dies in diesem Fall gar nicht bewusst ist. Denn: Es war uns ja klar, dass das Lineal fällt. Mit einer Zukunftsprognose scheint dies daher wenig zu tun zu haben, denken wir. Und dennoch ist es so.

 

Der Ball ist rund…

Nehmen wir anderen Fall:

Lassen Sie einen Ball von einem kleinen Hügel rollen. Was nun geschieht, dürfte in etwa klar sein. Auch hier können wir vorhersagen, was passiert, allerdings nicht so exakt wie bei dem Fall des Lineals. Wir wissen, dass der Ball hinabrollen wird und wir können auch ungefähr vorhersagen, wo er in etwa zum Liegen kommen wird.

Aber: Wir können nicht exakt bestimmen, wo er zum Liegen kommt, weil uns dafür die notwendigen Daten fehlen; Daten zum Gewicht des Balles, zum Neigungswinkel des Hanges, zu etwaigen Unebenheiten, Luftströmungen, Temperatur etc. Wenn wir jedoch Zugang zu den benötigten Daten hätten und damit einen Rechner bestücken würden, könnte uns dieser Rechner die Position des Balles im Voraus berechnen.

Ganz ähnlich wird es sich beispielsweise mit Billardkugeln oder der Kugel im Roulette verhalten. Denn auch diese Kugeln folgen exakt vorhersehbaren physikalischen Mustern, die wir – wie schon gesagt – nicht alle berechnen können. Noch nicht. Und möglicherweise auch niemals. Daher wird beim Billard oder auch beim Roulette oft von Zufall gesprochen. Für viele Menschen ist es reiner Zufall, ob Rot oder Schwarz, Gerade oder Ungerade, die 17 oder die 29 fällt. Allerdings handelt es sich hier um einen folgenschweren Irrtum. Es ist eben kein Zufall.

Sicher haben Sie schon einmal Billard gespielt und irgendwann ist dann die 8 ‚zufällig‘ oder aus ‚Pech‘ im Getümmel der Kugeln ins ‚falsche Loch‘ gefallen. Mit Zufall oder Pech hat dies jedoch nichts zu tun. Denn sobald der Stoß erfolgt ist, ist der weitere Verlauf des Geschehens – auch wenn es noch so viele Kontakte der Kugeln gibt – rein physikalischen Gesetzen unterworfen. Wenn also die 8 dann am Ende einer ‚unglücklichen‘ Kollisionskette ins ‚falsche Loch‘ fällt, so war dies kein ‚Pech‘, sondern eine physikalische und mathematische Gewissheit.

Dies bedeutet:

Wenn wir unseren allwissenden und in seiner Leistung unbegrenzten Computer mit allen theoretisch vorhandenen Daten füttern würden, könnte dieser Computer jeden Fall einer Roulettekugel exakt vorhersagen – zumindest sobald die Kugel die Hand des Croupiers verlassen hat. Mit allen Daten meine in diesem Fall jedoch wirklich alle Daten. Das heißt, wir müssten den Computer mit allen Daten auch aus der kleinsten Molekularebene füttern, mit jeder Position eines jeden Staubkorns, eines jeden Moleküls, mit jeder Bewegung und Temperatur eines jeden Atoms.

Ich behaupte nicht, dass wir schon morgen oder auch nur eines Tages diese Datenmenge tatsächlich zur Verfügung haben werden. Aber ich behaupte, dass wir die physikalische Zukunft in diesem Fall exakt vorhersagen könnten.

Wenn man sich also dieser sehr einfachen Logik anschließt, so lautet das Fazit:

 

Alles, was physikalischen Gesetzten folgt, ist prinzipiell vorhersehbar und geschieht zwangsläufig. Somit kann es für diese Vorgänge auch nur einen einzigen in Frage kommenden Ablauf – also nur ein einziges Schicksal – geben, dem alles unausweichlich unterworfen ist.

…aber die Hand des Croupiers ist eckig!

Dieses Fazit ist natürlich noch immer ohne Bedeutung, da wir ja die ‘Hand des Croupiers‘ außer Acht gelassen haben. Mithin sie also ohne Bedeutung für die These, auch das Verhalten des Menschen sei berechenbar. Denn hier kommt eben der Faktor Mensch ins Spiel, und der scheint nach Ansicht vieler unberechenbar zu sein. Denn der Mensch gilt als frei. Er handelt nach seinem freien Willen.

Somit gäbe es nach menschlichem Vorstellungsvermögen eine quasi unendliche Vielfalt, mit der letztlich die Kugel vom Croupier in den Kessel geworfen würde. Vor allem dann, wenn wir die Unterschiede wieder bis auf die menschliche Molekularebene herunterbrechen. Somit hätte es dann der Croupier stets ‚in der Hand‘, das Schicksal der Welt mit jedem Wurf neu zu bestimmen.

Doch was wäre, wenn das nicht stimmte? Was wäre, wenn die angebliche freie Entscheidung des Menschen nur eine Illusion wäre? Was wäre, wenn der Mensch den gleichen physikalischen Gesetzen folgen würde wie eine Roulettekugel?

Dann könnte Folgendes gelten:

In einem solchen Szenario würde der angesprochene Computer, der mit allen vorhandenen Daten des Menschen gefüttert worden wäre, auch die kleinste Bewegung und den komplexesten Gedanken eines jeden Menschen zu 100% vorhersagen können.

Mit allen Daten meine ich in diesem Fall alle im Gehirn abgespeicherten Erlebnisse, Erinnerungen, die Lage und Position aller neurologischen Verbindungen sowie die Lage und Position aller atomaren Bestandteile des Gehirns, etc. Eben alles, alle vorhandenen Daten.

Auch in diesem Fall behaupte ich nicht, dass wir schon morgen oder überhaupt eines Tages an alle diese Daten kommen werden, aber ich behaupte, dass wir – sofern wir alle diese Daten kennen und auswerten würden – mit hundertprozentiger Sicherheit den exakten Verlauf des Verhaltens eines jeden Lebewesens vorhersagen könnten.

 

Sind alle Handlungen des Menschen reflexartig?

Auch für diese These spricht eine Menge. Es ist selbst dem heutigen aufgeklärten Menschen durchaus bewusst, dass es Situationen gibt, in denen der Mensch reflexartig oder gar instinktiv handelt und reagiert, er also ‚rein physikalisch‘ agiert. Das ist regelmäßig dann der Fall, wenn dem Menschen eine extrem schnelle und unvorhersehbare Reaktion abverlangt wird, beispielsweise wenn er in einen Autounfall verwickelt ist oder wenn er sich anderen plötzlich auftretenden Ereignissen stellen muss.

In diesen Fällen glauben auch Menschen, die grundsätzlich von der gedanklichen Freiheit eines Menschen überzeugt sind, an eine eher physikalische Reaktion des Betroffenen – die sich selbstverständlich auch belegen lässt.

Im Fall eines plötzlichen Unfalls etwa werden die optischen Impulse durch elektrische Bahnen in einer prinzipiell berechenbaren Art und Weise an unser Gehirn weitergeleitet. Hier laufen dann wie in einem PC ähnliche – im Prinzip allesamt feststehende – Prozesse ab, mit dem Resultat, dass wieder über genau berechenbare elektrische Wege Reaktionen abgerufen und umgesetzt werden. Die Reaktionen sind natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, was auf die verschiedenen abgespeicherten Erfahrungen und die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen des Einzelnen zurückzuführen ist.

Im Prinzip verhält sich der Mensch in solchen Situationen also nicht anders als ein gewöhnlicher Computer. Es gibt ein Ereignis, anschließend wird ein Programm gestartet, das Gehirn – also die ‚Festplatte‘ – wird aktiviert und ein genau vorhersagbares Ergebnis produziert. Anders kann es auch gar nicht sein, denn es gibt keine Zufälle. Selbst das Durchforsten der Erinnerungen erfolgt im Gehirn elektronisch und ist somit zu 100% vorhersehbar.

Im Beispiel des angesprochenen Unfalls erfolgt dann eine reflexartige Reaktion, die zwar von Mensch zu Mensch verschieden ist, aber im Grunde immer gleichen Mustern folgt.

Betroffene berichten in solchen Situationen, dass ihre Reaktionen und Handlungen „wie von selbst“ stattgefunden hätten, da eine angemessene Zeit zum Nachdenken eben nicht vorhanden gewesen sei. Dies bedeutet jedoch, dass auch der aufgeklärteste Mensch in solchen Situationen akzeptiert, dass er rein intuitiv handelt, also letztlich wie eine Maschine, die einem festen Steuerungsprogramm gefolgt ist.

…doch was geschieht, wenn Gedanken ins Spiel kommen?

Wenn genug Zeit zum Überlegen vorhanden ist, weigert sich der Mensch im Allgemeinen anzunehmen, das Ergebnis seiner Reaktion als vorhersehbar anzusehen. In solchen Situationen ist der Mensch am ehesten geneigt anzunehmen, er selbst könne das Ergebnis seiner Überlegungen frei steuern.

Aber: Sollten menschliche Entscheidungen wirklich das Einzige im Universum sein, das frei von physikalischen Einflüssen ist?

Wiederum ein einfaches Beispiel:

Nehmen wir an, Sie haben vor, am Abend ein wenig fernzusehen. Natürlich besitzen Sie auch eine klassische Programmzeitschrift, die Sie dann öffnen, um sich das Programm anzuschauen. Angenommen es gibt drei Filme zur Auswahl, A, B und C. Nun beginnen Sie auszuwählen – gemäß Ihrem freien Willen. Doch was geschieht wirklich?

Die vorhandenen Informationen zu den Filmen werden über das Auge ins Gehirn gescannt und dort mit Erfahrungswerten und den aktuellen Emotionen abgeglichen. Als Erstes erreicht die Information über Film A Ihr Gehirn, welches zunächst den vermuteten Inhalt des Streifens mit abgespeicherten Erinnerungen und Erfahrungswerten abgleicht. Dieser Vorgang ist rein physikalisch und wird vom keinem Menschen bewusst wahrgenommen. Letztlich wird dabei auch nur ein elektronischer Impuls ähnlich dem Drücken der Enter-Taste an Ihrem PC an die Erinnerungsdatei des Gehirns gesendet, das – sofern fündig geworden – Ihrer Bewusstseinsebene die Information in Form einer Art gemischten Bilddatei zur Verfügung stellt. Je nach Art und Ausprägung Ihres persönlichen Informationsfilters werden Sie dann in etwa denken:

„Ah – den Film kenne ich. Wollte ich schon immer mal wieder sehen. Spannend, schöne Bilder. Über zwei Stunden lang.“

Nach einer weiteren elektronischen Gegenkontrolle Ihres ‚Arbeitsspeichers‘ wird aus dem „über zwei Stunden lang“ blitzschnell ein „LEIDER zwei Stunden lang“, da der Datenabgleich ergeben hat, dass Sie am nächsten früh aufstehen wollen oder müssen.

Die Ihnen von Ihrem Gehirn ins Bewusstsein eingespielten Infos zum Film B könnten beispielsweise ergeben: „Den Film kenne ich nicht, hört sich aber interessant an.“

Zu C – z. B. einer Doku über Eisbären am Nordpol – bekommen Sie evtl. die Info:

„Klingt interessant. Scheint kurzweilig zu sein und vor allem dauert der Film nicht so lange.“

Nun folgt die angeblich freie Entscheidung des Menschen. Der Mensch wählt in seiner Bewusstseinsebene scheinbar frei aus – obwohl bis zu diesem Punkt klar sein muss, dass es eben rein physikalische Gründe gewesen sind, die seinem Bewusstsein diese für seine jetzt anstehende Entscheidung zur Verfügung stehenden Informationen zugänglich gemacht haben.

Und: Was macht der Mensch? Für seine angebliche freie Entscheidung gleicht er jetzt die erhaltenen Infos der Filme mit seinen ihm ebenfalls für diesem Zweck eingespielten Dateien bezüglich etwa seiner aktuellen Lebensumstände ab.

Beispiel Film A. Bei der Frage, ob er sich Film A anschaut, werden ihm dann allein aufgrund der Länge des Films verschiedene mögliche Emotionen eingespielt, natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Der eine Mensch erhält von seinem Gehirn dann die Zusatzinfo:

„Nur fünf Stunden Schlaf. Da wirst du dich morgen aber schlecht fühlen. Bist unausgeschlafen. Und Schlaf am nächsten Tag nachholen, funktioniert bei dir nicht so gut. Und überhaupt – ist es das wert? Du kennst den Film doch schon!“

Diese neuen ‚freien‘ Gedanken, die den betreffenden Menschen jetzt in seiner Bewusstseinsebene beschäftigen, sollten dazu führen, die Chancen für Film A zu reduzieren. Was jedoch von vorneherein klar war, denn es war klar, dass das Gehirn genau diese Info bereitstellen wird.

Ein anderer Mensch dagegen erhält beim gleichen Datenabgleich eine völlig andere Antwort:

„Nur fünf Stunden Schlaf. Kein Problem für dich. Du kannst den Schlaf am nächsten Tag nachholen. Und – du wolltest den Film doch schon immer noch einmal sehen.“

Bei diesem Menschen führen diese Gedanken selbstredend nicht zu einer Chancenverschlechterung  für Film A. Was jedoch ebenso bereits vorher klar war.

Letztlich wird in jedem Fall das Gehirn unserer angeblich freien Bewusstseinsebene die optimale Auswahl des Films suggerieren bzw. vorgeben. Tatsächlich entscheiden wir uns natürlich nicht immer für die ‚beste‘ Möglichkeit. Dafür ist der Entscheidungsprozess im Gehirn auch viel zu vielseitig.

So spielen auch Faktoren wie die persönliche Risikobereitschaft oder eine Unzahl weiterer Abwägbarkeiten eine Rolle.

Wir alle kennen das: Man hat sich vorgenommen, nur ein Glas Bier auf der Party zu trinken und nur bis 23 Uhr zu bleiben, da es uns vorab am vernünftigsten erschien. Durch die dann angetroffenen Umstände jedoch haben wir unsere Entscheidung frei verändert, haben drei Gläser Bier getrunken und sind bis zwei Uhr Nachts geblieben.

Auch dies ist kein Zufall. Der erwähnte Großcomputer konnte dies natürlich voraussehen, da er genau wusste, dass an diesem Abend viele Bekannte auf der Party sein würden, die Gespräche interessant werden und wir deshalb die Nachteile einer verkürzten Nacht in Kauf nehmen würden.

Ich kann mir sehr leicht vorstellen, dass die meisten Menschen sich nicht mit dem Gedanken der absoluten Vorhersehbarkeit aller Ereignisse anfreunden können, allein schon aufgrund der unzählig vielen theoretischen Möglichkeiten, die das Schicksal angeblich zu bieten hat. Immerhin würde der kleinste nicht vorhersehbare Gedanke über den sogenannten Schmetterlingseffekt den Verlauf des gesamten Universums verändern. Leider ist diese Überlegung jedoch kein Argument gegen die Theorie – eher dafür. Denn es scheint doch ungleich wahrscheinlicher zu sein, dass es eben nur einen bestimmten Verlauf des sogenannten Schicksals gibt, als einen Verlauf, der sich aus einer Masse unzähliger und unvorhersehbarer Ereignisse ständig neu formiert.

Genau wie der Ball, der bei gleichen Verhältnissen immer den gleichen Weg hinabrollen wird, ist doch der Mensch letztlich nichts anderes als ein Ball, dessen Bewegungen und Gedanken allein auf physikalischen Gesetzen beruhen. Somit sind die Handlungen aller Lebewesen sowie die Veränderungen aller toter Materie, mithin also der gesamte Verlauf des Schicksals prinzipiell exakt vorhersehbar, da der Verlauf eben schon seit langer Zeit feststeht.

Seit exakt wie langer Zeit dies schon so ist und wie lange das noch andauern wird – das wäre die nächste philosophische Frage, die zu klären wäre. Dafür jedoch ist unser Wissen noch viel zu begrenzt, da wir ja noch nicht einmal den Ursprung des uns bekannten Universums erklären können. Da zusätzlich die Wahrscheinlichkeit, dass unser Universum auch selbst wiederum nur einen kleineren Teil einer noch größeren Einheit darstellt, sehr groß ist, müssen wir bei dieser Frage noch passen.

 

Forschung und Technik haben in den letzten 500 Jahren eine wahnwitzige Entwicklung genommen. Die Selbstwahrnehmung der Menschheit, verharrt jedoch unbeirrt auf dem Stand der mittelalterlichen Nachinquisitionszeit.  

In grauer Vorzeit war für den Menschen die „Welt“ so groß wie der Wald, in dem er jagte. Noch vor kurzem erst wurde die Welt als eine Scheibe angesehen. Vor ca. 500 Jahren schließlich wandelte sich die Welt durch einen gewissen Christoph Columbus plötzlich zu einer Kugel. Etwas später, durch Nikolaus Kopernikus, entpuppte sie sich als winziger Teil des Sonnensystems. Schließich geriet unser Sonnensystem selbst zu einem winzigen Teil der Milchstraße. Auch Albert Einstein ging damals nur von einer einzigen Galaxie – unserer Milchstraße – aus.

Als ich zur Schule ging, sagte man mir neben vielen anderen Dingen, die sachlich falsch waren, dass bis zu fünfzig Galaxien möglich seien. Heute sprechen wir schon von über 500 Milliarden Galaxien. Also von 500.000.000.000 Stück.

In der Relation zur bisher entdeckten Realität nimmt die eigentliche Winzigkeit des Menschen daher immer weiter zu.

Paradoxerweise denkt der Mensch aber noch immer in den gleichen Dimensionen wie etwa im Mittelalter, in dem er sich für etwas Höhergestelltes und physikalisch Unabhängiges gehalten hatte.

Daher sollte es doch schon die Logik gebieten, dass auf der Erde – also einem mikroskopisch kleinen Teil des heute bekannten Universums – wohl kaum Sonderregeln gelten werden, dass auch hier alles nach rein physikalischen und vorhersehbaren Regeln abläuft.

 

Die Folgen dieser Überlegung … sind im Grunde nicht so gravierend, wie man denken könnte.

Zunächst würden Anhänger dieser Theorie sich selbst und auch den allgemeinen Verlauf der Dinge nicht mehr so wichtig nehmen. Was auf der einen Seite mache Dinge erleichtern würde. Man begänne sich wie ein kleines Rädchen in einem riesigen Uhrwerk zu fühlen.

So könnte man die großen Schicksalsschläge, die das Leben im Allgemeinen zu bieten hat, besser verkraften. Diese sogenannten negativen Aspekte des Lebens begännen irgendwie dazuzugehören und der potentielle Groll darauf nähme ab. Die traurigen Emotionen, die mit den eintretenden Schicksalsschlägen einhergingen, könnten sich jedoch verstärken, da man anfinge, diese als unabdingbaren Teil des Lebens zuzulassen, statt sie zu unterdrücken.

Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, dass man als Determinist anfängt, die dunkle Seite des Lebens zu lieben – aber in jedem Fall wird man beginnen, sie weniger zu hassen. Dies führt zu einer größeren Grundzufriedenheit im Leben – wohl wissend, dass man den Verlauf der Dinge eben nicht ändern kann und das gute wie schlechte Zeiten Teil des Lebens sind.

Auch diese neuen Gedanken würden den Verlauf des Schicksals natürlich nicht ändern, da die potentielle ‚Erleuchtung‘ des Einzelnen, der exakte Zeitpunkt derselben und die damit verbundenen Konsequenzen dem besagten Großrechner ja schon seit Urzeiten bekannt gewesen sind und somit längst in den einzig logischen Schicksalsverlauf eingearbeitet wurden.

Kritikern, die sagen werden: „Ja, wenn das stimmt, dann könnte ja ab morgen jeder machen, was er wollte!“, kann man entgegnen: „Nein, auch heute schon kann jeder machen, was er will!“

Heute wie morgen wird das Handeln des Einzelnen oder einer Gruppe immer Konsequenzen haben. Aber auch das steht eben schon seit langer Zeit fest.

Wer morgen eine Bank überfallen möchte, weil er sagt: „Ja, wenn es doch ohnehin schon vorher feststand, dass ich die Bank überfalle, dann sollte ich es doch auch tun!“, kann man entgegnen: „Ja, natürlich steht es schon fest. Daher kannst du die Bank überfallen. Ob du geschnappt wirst und ob du ins Gefängnis kommst, steht allerdings ebenfalls schon fest! Du kannst es allerdings auch lassen. Es ist Dein eigener imaginärer freier Wille!“

Letztlich wird wohl immer nur der die Bank überfallen, der sie eben auch ohne diese neue Erkenntnis überfallen hätte und umgekehrt. Natürlich werden neue Erkenntnisse und Einsichten auch immer zu einer Veränderung im Verhalten führen.

Als die Menschen entdeckten, dass die Erde eine Kugel ist und nicht den Mittelpunkt des Universums darstellt, änderten sich auch viele Dinge. So ist es immer. Aber sowohl damals wie eben heute standen sowohl jegliche neuen Erkenntnisse sowie alle Reaktionen darauf vermutlich schon zu 100% fest.

 

Praxisnahe Folgen dieser Sichtweise:

Seit meiner Jungend beschäftige ich mich u. a. mit der Prognose von Börsenentwicklungen. Als ich in etwa Anfang zwanzig war, erkannte ich eine gewisse Regelmäßigkeit in den Abläufen der Politik, der Wirtschaft, vielen anderen Bereichen des Lebens und somit auch in den Abläufen an den Finanzmärkten. Die Sichtweise, nach der die Dinge nicht einfach zufällig geschehen, sondern einem eindeutigen Verlauf zuzuordnen sind, half mir sehr dabei, meine Marktprognosen zu tätigen und somit die meisten aller prägnanten Börsenentwicklungen der letzten zig Jahre korrekt vorherzusagen. Vereinfacht gesagt, sieht mein Erfolgsrezept an den Börsen in etwa so aus:

Der Kursverlauf eines Aktienmarktes ist in etwa genauso vorhersehbar wie der Verlauf des einen Hügel hinabrollenden Balles vorhersehbar ist. Natürlich kann man als heutiger Mensch in beiden Fällen den Verlauf nicht 100%ig exakt vorherbestimmen, da eben die besagten vollumfänglichen Daten fehlen. Das jedoch ist auch gar nicht notwendig, denn eine ungefähre Vorhersage der Börsenentwicklung  – ähnlich der ungefähren Bestimmung des ausgerollten Balles – ist völlig ausreichend. Wenn man nur oft genug den hinabrollenden Ball beobachtet, fallen einem immer wieder neue Kleinigkeiten oder potentielle Möglichkeiten plötzlicher Kurswechsel auf. An den Börsen ist es ähnlich. Logischerweise gewinnt man mit jeden Versuch an Erfahrung hinzu; somit werden die Prognosen von Mal zu Mal immer präziser.

Anders ausgedrückt: Die Börsen verstehe ich als eine – zwar höchst komplexe, aber dennoch prinzipiell vorhersagbare – physikalische Einheit.

Daher achte ich nicht darauf, wie Börsen angeblich aufgrund diverser Wirtschaftstheorien reagieren sollten, sondern immer nur darauf, wie sie gerade tatsächlich reagieren. Ich achte also nur auf den herabrollenden Börsenball und versuche seine Laufbahn anhand von den gegebenen Umständen physikalisch zu prognostizieren. Wenn ich zu erkennen glaube, dass der Hang im unteren Bereich leicht nach rechts geneigt ist, dann setzte ich auch darauf, dass der Ball vermutlich nach rechts rollen wird. Wenn alle anderen Experten, Analysten und Wirtschaftsweisen gleichzeitig behaupten würden, dass der Ball aufgrund von Zinsen, Währungsschwankungen, Inflationsdaten, Arbeitsmarktberichten etc. sehr wahrscheinlich nach links rollen werde, so setzte ich in diesem Fall trotzdem auf rechts, eben weil es für mich physikalisch so aussähe, dass er nach rechts laufen würde. Physik ist für mich auch an der Börse ein deutlich stärkerer Faktor, als es menschliche Worte und Wünsche sind.

Das ist schon mein ganzes Börsengeheimnis.

Auch in vielen anderen Bereichen kann man mit besagter Sichtweise die ablaufende Prozesse schon in den Anfängen erkennen bzw. erahnen. Dies muss nicht immer ein Vorteil sein im Leben, aber es ist ab und an sehr hilfreich.

 

Was sagt die Wissenschaft zum Determinismus?

Im Allgemeinen ist die Wissenschaft beim Thema Determinismus gespalten. Es gibt verschiedene Theorien, die besagen, dass das Leben prinzipiell nicht deterministisch sei. So sollen laut der Kopenhagener Deutung von Nils Bohr und Werner Heisenberg aus dem Jahr 1927 die Vorgänge der Quantenmechanik nicht deterministisch, also theoretisch nicht vorhersehbar sein. Daher kamen beide zu dem Schluss, dass das Schicksal eben nicht vorbestimmt, sondern von gewissen Zufällen abhängig sei. Allerdings muss man berücksichtigen, dass man in ihrer Interpretation darauf verzichtete, den involvierten Objekten eine Realität im eigentlichen Sinne zuzusprechen.

Da nach meinem Dafürhalten nichts unmöglich ist, mag natürlich auch diese Theorie der Kopenhagener Deutung gegebenenfalls richtig sein. Jedoch gehe ich eher davon aus, dass die Kenntnisse zur Quantenmechanik damals wie heute zu keinem Zeitpunkt ausreichend sind bzw. waren, um eine derartige Prognose erstellen zu können. Wenn man die genaue Position und die Bewegungen von kleinsten Teilchen nicht eindeutig bestimmen kann bzw. deren Realität im klassischen Sinn in Frage stellt, dann liegt das in der Regel daran, dass man die gegebenen Vorgänge nicht kennt.

Es ist ungefähr so, als müssten Sie beschreiben, welche Vorgänge sich in einem Bereich hinter einer undurchsichtigen und unüberbrückbaren Mauer abspielen – mit der Besonderheit, dass sie ohnehin annehmen müssten, dass es den Bereich hinter der Mauer eigentlich gar nicht gibt. Ich denke, unter diesen Umständen war es auch für Nils Bohr und Werner Heisenberg, beide brillante Physiker, unmöglich, eine tragfähigere These zu entwickeln.

Albert Einstein hingegen, ein Anhänger des Determinismus und somit Anhänger der Vorbestimmtheit des Schicksals, schrieb einmal zum Thema Kopenhagener Deutung:

„Es scheint hart, dem Herrgott in die Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich telepathischer Mittel bedient, kann ich keinen Augenblick glauben.“

Schon lange vor dieser Aussage Einsteins entgegnete Bohr, dass wir Menschen, sofern es den Determinismus tatsächlich geben würde, somit theoretisch die nächsten Schritte selbst von Gott im Voraus bestimmen könnten, was Bohr wiederum ablehnte zu glauben.

Wie Sie sehen, hat dieses Thema hat natürlich auch weitreichende theologische Konsequenzen.

Widerspruch bezüglich des Determinismus gibt es in der Wissenschaft aber vor allem in der sehr theoretischen Frage, ob es jemals den Laplaceschen Dämon bzw. eben den allwissenden Computer geben wird bzw. geben kann. In diesem Punkt stimme ich teilweise mit der Wissenschaft überein, vor allem darin, dass es aus heutiger Sicht in der Praxis so gut wie unmöglich erscheint, einen solch komplexen Computer zu bauen.

Auch die theoretische Weltsicht der heutigen Wissenschaft reicht für einen Konstruktionsplan einer solchen Maschine nicht aus. Neben der schier unfassbar großen Datenmenge gibt vor allem die aktuell theoretisch noch nicht herleitbare Beschaffung der Daten zu denken.

Ein Beispiel: Die uns aktuell schnellste bekannte Geschwindigkeit ist die Lichtgeschwindigkeit. Dies bedeutet, dass alle Daten, die den Computer erreichen, in jedem Fall um den Faktor der Lichtgeschwindigkeit veraltet sind. Das gilt für Daten, die sich nur wenige Meter vor dem Ziel befinden, genauso wie für Daten, die zig Millionen Lichtjahre entfernt sind. Der besagte Computer hätte somit – zumindest nach heutigem Kenntnisstand – keine Möglichkeit, einen echten IST-Zustand im Universum zu bestimmen, wodurch eine exakte Prognose der Zukunft so gut wie unmöglich werden würde.

Selbst an dieser Stelle jedoch wage ich zumindest theoretisch zu widersprechen, denn: Unmöglich ist nach meiner Ansicht nichts.

Dass die Lichtgeschwindigkeit die absolute maximale Geschwindigkeit sein soll, die es jemals geben kann, ist heute eine verbreitete Gewissheit. Jedoch hat die Wissenschaft sich im Laufe der Jahre immer wieder selbst widerlegt; der heutige Kenntnisstand ist im Vergleich zur vermeintlichen wissenschaftlichen Realität der Zukunft vermutlich auf einem recht mittelalterlichen Stand, auf dem man die Welt für eine Scheibe gehalten hat. Man kann also sagen: Der heutige Stand der Wissenschaft hat nichts mit dem Stand der Wissenschaft der Zukunft zu tun. Daher ist es in Zukunft sehr wohl möglich, dass die Lichtgeschwindigkeit deutlich getoppt werden und somit ein solcher Computer zumindest theoretisch würde existieren können.

Darum allerdings geht es gar nicht. Es geht einzig und allein darum, ob er – wenn es ihn geben würde – die Zukunft exakt voraussagen könnte. Hier bleibe ich bei einem klaren JA.

 

Philosophisch gibt es natürlich diverse Probleme…

Nehmen wir an, Sie besitzen die notwendige Technik und bauen diesen Supercomputer. Dann könnte dieser Laplacesche Dämon Ihnen zu jeder Zeit die exakte Zukunft voraussagen.

Das Problem wäre nur: Sobald der Computer Ihnen die Zukunft verrät, ändert sich diese sofort, da Sie durch die erhaltenen Informationen ebenfalls Ihr Verhalten ändern würden. Logisch: Wenn Ihnen der Computer sagen würde, dass Sie sich morgen bei einem Autounfall ein Bein brechen werden, ließen Sie morgen eben den Wagen in der Garage.

Dem allwissenden Computer ist dies natürlich klar; er würde die sich tatsächliche abspielende und veränderte Zukunft selbstverständlich kennen. Dies Ihnen mitzuteilen, hätte jedoch wiederum den Effekt, dass auch diese Prognose nicht stimmen würde. Von da an drehte man sich im Kreis …

Wahrheitsgemäß müsste Ihnen der Computer also sagen, dass er Ihre exakte Zukunft zwar genau kennt, Ihnen diese aber nicht vorhersagen kann.

Die Existenz seiner exakten Prognose könnte dieser Computer also immer nur im Nachhinein liefern, was natürlich nicht Sinn und Zweck der Sache ist.

Allerdings könnte der allwissenden Computer seine Fähigkeiten immer genau dann mit einer fast hundertprozentigen Genauigkeit unter Beweis stellen, wenn sich seine Prognosen auf Bereiche bezögen, in die der Mensch nicht oder noch nicht eingreifen kann. So könnte er z. B. korrekt vorhersagen, in wenigen Tagen oder Wochen werde ein ganz bestimmter Vulkan ausbrechen. Dies wird dann exakt so eintreffen, da der Mensch aktuell technisch noch nicht in der Lage ist, diese Zukunft so weit abzuändern, dass der Ausbruch unterbleibt.

Theoretisch gesehen hat der Mensch den Weg zum Bau dieses Supercomputers im Übrigen schon längst eingeschlagen. Hier geben zum Beispiel die immer präziser werdenden Wetterprognosen einen leisen Vorgeschmack auf das, was in ferner Zukunft alles möglich sein wird.

Wie auch immer. Die Zukunft steht vermutlich schon seit sehr langer Zeit fest. Manchmal können wir sie schon heute bestimmen; manchmal ist es ein Segen, sie nicht zu kennen.

Und:

Ob Sie diesen Text lesen oder nicht, steht bzw. stand vermutlich schon länger fest. Ob Sie der Theorie, dass es nur ein unveränderliches Schicksal gibt, etwas abgewinnen können oder nicht, stand vermutlich ebenfalls schon länger fest. Genau wie alle möglichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

So könnte es sein – oder auch nicht.

 

Henry Littig

Geschrieben von Henry Littig